Ex-vivo-Lebermodell durch 3D-Druck
Organmodelle aus dem 3D-Drucker können helfen, neue pharmakologische Substanzen zu entwickeln und hinsichtlich ihrer Effizienz und Toxizität zu untersuchen, ohne dafür auf Tierversuche zurückgreifen zu müssen.
Die derzeitige Wirkstoffentwicklung basiert in der Regel auf dem Prinzip, neue Substanzen zunächst in zweidimensionalen (2D) Zellkulturen zu testen und dann im Tiermodell näher zu charakterisieren. Dieses Vorgehen ist jedoch mit mehreren Mängeln behaftet. Zellen in einer 2D-Zellkultur repräsentieren in der Regel nicht die Physiologie von Zellen in einem dreidimensionalen (3D) Zellverband, u.a. unterscheidet sich die Genexpression. Die Tiermodelle haben zum einen den Nachteil, dass sich die tierischen Zellen von den menschlichen unterscheiden, zum anderen sind die in vivo Modelle in der Regel mit nicht vertretbarem Leid der Versuchstiere verbunden.
Ziel dieses Projektes war es, humanisierte Organmodelle durch Biodruck zu erstellen. Zunächst wurde ein Lungenmodell gedruckt. Hierbei wurde die Zusammensetzung der Biotinte optimiert. Schließlich konnte mit einem Alginat/Gelatine/Matrigel-Gemisch ein Modell erzeugt werden, in dem die Zellen eine gute dreidimensionale Verteilung und hohe Viabilität hatten. Schließlich wurde das Lungenmodell mit Influenza-A-Viren infiziert. Die Viren replizierten und lösten eine Immunantwort aus.
Abb. 1: Biodruck eines Organmodells (Copyright: Felix Noak).
Abb. 2: Virusausbreitung im 3D Lungenmodell. Die Zellkerne sind blau angefärbt, ein virales Protein ist durch rosa Fluoreszenz sichtbar (aus Berg et al, 2018).
Aus Sicht des Tierschutzes besteht ein kritischer Punkt des Lungenmodells in der Verwendung von Matrigel, einer extrazellulären Matrix, die aus Sarcomen in Mäusen gewonnen wird. In einem weiteren Schritt haben wir daher Matrigel durch eine extrazelluläre Matrix eines menschlichen Spenders ersetzt. Hiermit konnte eine Lebermodell gedruckt werden, das mit humanen Adenoviren infiziert wurde. Diese Viren stellen eine große Gefahr für immunsupprimierte Patienten dar, z.B. nach einer Organtransplantation. Wie auch bei den Influenzaviren im Lungenmodell replizierten die Adenoviren effizient im gedruckten Lebermodell.
Insgesamt konnten in dem Projekt ein Leber- und ein Lungenmodell durch 3D-Biodruck generiert werden. Nach unseren Recherchen in der publizierten Literatur wurden erstmalig gedruckte Organmodelle mit Viren infiziert. Die humanisierten Modelle können nun genutzt werden, um neue antivirale Strategien ohne Tierversuche zu entwickeln.
Aus dem Projekt sind zwei Primärarbeiten und ein Übersichtsartikel hervorgegangen. Die Arbeiten wurden mit dem Preis des Landes Berlin zur Förderung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden für Tierversuche in Forschung und Lehre an Dr. Johanna Berg und Prof. Dr. Jens Kurreck gewürdigt.
Publikationen und Preise:
Aus dem Projekt sind zwei Primärarbeiten und ein Übersichtsartikel hervorgegangen. Die Arbeiten wurden mit dem Preis des Landes Berlin zur Förderung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden für Tierversuche in Forschung und Lehre an Dr. Johanna Berg und Prof. Dr. Jens Kurreck gewürdigt.
Hiller, T.; Berg, J.; Elomaa, L.; Rohrs, V.; Ullah, I.; Schaar, K.; Dietrich, A.C.; Al-Zeer, M.A.; Kurtz, A.; Hocke, A.C.; Hippenstiel, S.; Fechner, H.; Weinhart, M.; Kurreck, J. (2018) Generation of a 3D Liver Model Comprising Human Extracellular Matrix in an Alginate/Gelatin-Based Bioink by Extrusion Bioprinting for Infection and Transduction Studies. Int. J. Mol. Sci., 19.
Berg, J.; Hiller, T.; Kissner, M.S.; Qazi, T.H.; Duda, G.N.; Hocke, A.C.; Hippenstiel, S.; Elomaa, L.; Weinhart, M.; Fahrenson, C.; Kurreck, J. (2018) Optimization of cell-laden bioinks for 3D bioprinting and efficient infection with influenza A virus. Sci. Rep., 8, 13877.
Weinhart, M., Hocke, A., Hippenstiel, S., Kurreck, J. and Hedtrich, S. (2019) 3D organ models-Revolution in pharmacological research? Pharmacol. Res., 139, 446-451.
Projektleitung
Prof. Dr. Jens Kurreck
Studium der Biochemie und Philosophie an der Freien Universität (FU) Berlin. Dissertation zur Primärreaktion der Photosynthese an der Technischen Universität (TU) Berlin, gefolgt von einem Postdoktoranden-Aufenthalt an der Arizona State University, Tempe, USA. Habilitation zu medizinischen Anwendungen von RNA-Technologien an der FU Berlin. 2007-2009 Professor an der Universität Stuttgart, seit 2009 W3-Professor an der TU Berlin. Arbeitsschwerpunkte: RNA-Technologien, Virale Vektoren, antivirale Strategien, 3D-Organmodelle.
Prof. Dr. Hartmut Schwandt
Studium der Mathematik, Informatik und Betriebswirtschaftslehre an der Technischen Universität Berlin (TUB). Promotion und Habilitation in Numerischer Mathematik/Computermathematik an der TUB. Seit 1982 IT-Leiter am Institut für Mathematik, seit 2007 auch der IT der Fakultät für Mathematik und Naturwissenschaften, seit 1998 apl. Professor für Numerische Mathematik, 2005 Gründung des 3D-Labors an der TUB. Arbeitsschwerpunkte: 3D-Technologien und Anwendungen, mathematische und 3D-Verfahren für Anwendungen in der Verkehrsforschung, Computermathematik, Parallele Numerik.
Mitarbeit
M.Sc. Thomas Hiller
Biotechnologiestudium an der Beuth Hochschule für Technik in Berlin. Abschluss 2012 mit einem M.Sc. Im Anschluss (2012-2014) wissenschaftlicher Angestellter in der experimentellen Chirurgie sowie dem Berlin-Brandenburger Centrum für regenerative Therapien an der Charité Berlin. Arbeitsschwerpunkt: Entwicklung und Etablierung eines oxidativen Stressmodells in primären Hepatozyten des Menschen und der Ratte in einem 3D-Leberbioreaktor. Seit 2014 Doktorand in der Arbeitsgruppe von Jens Kurreck.
Dipl.-Ing. Ben Jastram
Architekturstudium an der Universität der Künste Berlin. Abschluss 2009 als Diplom-Ingenieur. Im Anschluss (2009-2010) wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Digital Processing for Academics“ am 3D-Labor der TUB für die Vermittlung von 3D-Messtechnik und 3D-Fertigungstechnik. Seit 2010 Wissenschaftlicher Angestellter. In den Projekten „Rapid Manufacturing in der Medizintechnik und anderen Bereichen“ verantwortlich für die Entwicklung von Maschinen- und Verfahrenstechnik für die Herstellung von 3D-Scaffolds und bei „Herstellung vitaler Herzklappen unter Verwendung von Tissue Engineering und 3D-Druck (3D-TERM)“ verantwortlich für die Prozessentwicklung zur Herstellung von biopolymerbasierten Scaffolds.