„Chronic Pain in a dish“ In vitro-Modellierung Neuronen-vermittelter chronischer Schmerzen in der Haut für Pharmakologie und Toxikologie
Chronische Schmerzen stellen ein erhebliches Gesundheitsproblem dar, von dem etwa 20 bis 50 % der Weltbevölkerung betroffen ist. Therapiemethoden werden größtenteils in Verhaltenstests mit induzierten Schmerzen an Nagern entwickelt. Dabei ist keine Schmerzbehandlung möglich, was zu einer schweren Belastung der Tiere führt. Dennoch sind im Tier entwickelte Therapeutika nicht immer auch im Menschen wirksam. Daher sollen zwei In vitro-Modelle in humanen Zellen entwickelt werden, um über Neuronen vermittelten chronischen Schmerz mit möglichst hoher Vorhersagekraft zu quantifizieren. Dafür werden Stammzell-abgeleitete sensorische Neuronen (1.) zur Entwicklung eines Luciferase-basierten Exozytose-Assays genutzt, um die vermehrte Ausschüttung der an der chronischen Schmerzreaktion beteiligten Neuropeptide (Substanz P und Calcitonin Gene-Related Peptide) einfach quantifizierbar zu machen. Außerdem soll (2.) ein innerviertes Hautmodell entwickelt werden, um Neuritenauswuchs und die Expression von mit chronischen Schmerzen assoziierten regulierten Genen von Schmerzrezeptoren und an der Reizweiterleitung beteiligte Ionenkanälen in vitro zu quantifizieren. Der Proof-of-concept für die Nutzung der Modelle in Pharmakologie und Toxikologie soll erbracht werden, indem induzierte Neuropeptid-Ausschüttung, induzierter Neuritenauswuchs und induzierte Genexpression, mit therapeutisch wirksamen Substanzen inhibiert oder über die Zugabe exogener Substanzen ausgelöst wird. So können molekulare Signalwege der chronischen Schmerzentstehung in vitro, direkt in humanen Zellen, modelliert werden, um unnötige Tierversuche zu vermeiden und für den Menschen wirksame und sichere Therapeutika zu entwickeln. Im Anschluss an das Projekt soll das Hautmodell über die Nutzung induzierter pluripotenter Stammzellen und primärer Zellen von Patienten auf die Modellierung der atopischen Dermatitis übertragen werden, um spezifische In vitro-Krankheitsmodelle zur Entwicklung neuer Therapien in Kooperation mit Industriepartnern in die Anwendung zu bringen. Weiterhin soll das Projekt als Grundlage für weitere Gebiets-übergreifende In Vitro-Modellierungen dienen, wie z.B. der Simulation von chronischen Gelenksschmerzen.
Projektleitung
Prof. Bettina Seeger
Studium der Veterinärmedizin und Promotion in Toxikologie an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo). Habilitationsäquivalente Leistung im Rahmen der Juniorprofessur, seit 2025 außerplanmäßige Professorin. Fachtierärztin für Pharmakologie und Toxikologie sowie European Registered Toxicologist (ERT). Leitung der Arbeitsgruppe Lebensmitteltoxikologie und Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch. Forschungsschwerpunkte: Humane stammzellbasierte Methoden (New Approach Methodologies, NAMs) für Neurotoxikologie, -infektiologie und -pharmakologie. Vorstandsmitglied im Virtuellen Zentrum für Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch (VZET) der TiHo, Mitglied im Zentrum für Systemische Neurowissenschaften (ZSN) Hannover und im PARC-Nationalhub „Human Tox“. Ehemaliges Mitglied der Bf3R-Kommission. Ausgezeichnet mit dem Young Toxicologist Merck Award (2025).
Mitarbeit
Kathrin Lämmerhirt
Staatlich anerkannte Ausbildung zur Tierpflegerin und anschließendes Studium der Tiermedizin an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. Das von der Stiftung SET geförderte Projekt „Chronic Pain in a Dish – In vitro‑Modellierung neuronenvermittelter chronischer Schmerzen in der Haut“ bildet das Thema ihrer Promotion.
Dr. Lisa Maria Haiber
B.Sc. und M.Sc. in Life Science mit Schwerpunkt Chemie an der Universität Konstanz; Promotion im Fachbereich Chemie der Universität Konstanz mit Fokus auf bioorganische Chemie, Glykobiologie und Glykanvisualisierung. Seitdem tätig als Postdoktorandin an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover mit dem Schwerpunkt auf der Entwicklung humanrelevanter 3D‑Zellkulturmodelle zur Untersuchung von Neuroentwicklung und Neurotoxizität mit besonderem Fokus auf Glykanstrukturen.